Resonanz ist eine greifbare Energieform, fast im physikalischen Sinn – sie ist ein Ausdruck der übernatürlichen Verfasstheit. Resonanz wächst mit dem Alter – zumindest theoretisch. Krankheiten, emotionale Traumata oder gezielte magische Interventionen können sie schwächen oder verzerren. Ebenso gibt es Wesen, die ihre Resonanz maskieren, abschirmen oder manipulieren – besonders unter den Beschenkten, deren Resonanz manchmal qua Schutzauftrag verborgen wird oder deren Resonanzwahrnehmung abgeschwächt wird, und in Kreisen, die gelernt haben, sich zu verstecken.
Übernatürliche Wesen nehmen Resonanz instinktiv wahr. Wenn eine mächtige Hexe den Raum betritt, spüren andere ihren magischen Druck. Wenn ein alter Vampir sich nähert, horchen selbst die Krähen auf. Resonanz ist Frühwarnsystem und Aushängeschild zugleich – sie sagt nicht, wer du bist, aber sie sagt, was du bist. Manche Signaturen sind so eindeutig, so alt, dass sie Wiederkennungswert haben. Dann selbstredend stiften sie sogar Identität, was besonders hilfreich bei der Identifikation von Dämonen außerhalb ihres Wirtes ist. Medien und Beschenkte haben meist eine ähnliche Resonanz wie Werwesen, geschuldet ihrem Dasein als Sterbliche, allerdings ist ihre Resonanz im Regelfall erst bei Anwendung ihrer Fähigkeiten spürbar und längst nicht so stark mit ihrem alltäglichen Auftreten geknüpft, wie das bei anderen Übernatürlichen der Fall ist.
Resonante Wechselwirkung
Von einer resonanten Wechselwirkung spricht man dann, wenn sich Individuen besonders intensiv wahrnehmen. Eine Annahme ist, dass man auf einer ähnlichen Frequenz resoniert. Diese Annahme hat allerdings gelegentlich, je nach sozialem Kontext, eine ketzerische Beinote. Hexen, Medien oder auch manche Beschenkte verstehen sich auf das Lesen oder Vorhersagen dieser Wechselwirkungen und sprechen von Verbindungen zwischen Individuen im Sinne von Schicksal. Diese Verbindungen müssen nicht zwingend romantischer Natur sein, auch wenn es ein Idealbild ist, das viele anstreben. Es gilt gemeinhin leider als ausgesprochen selten, einen romantischen oder platonischen Gegenpart zu finden, der auch resonante Wechselwirkung aufzeigt. Manche Individuen finden zeitlebens keine solche Verbindung, andere haben das unverschämte Glück, es mehrfach zu erleben.
Die Überlieferung der platonischen Kugelmenschen spiegelt sich in den Konzepten von resonanter Wechselwirkung wider, wie sie heute in gewissen Kreisen verstanden werden. Nachdem das einst harmonische Ganze – so berichtet die Sage – gewaltsam getrennt wurde, blieb in allen Wesen ein Echo zurück: die Sehnsucht nach Ergänzung, nach einer Verbindung, die das Getrennte für einen Moment wieder zum Ganzen werden lässt. Diejenigen, die sich mit dem Schicksal und dem unsichtbaren Netz zwischen den Individuen beschäftigen, sehen in jeder resonanten Wechselwirkung einen Beweis für dieses kosmische Grundprinzip. Es sind nicht bloß Zufallsbegegnungen, wenn zwei Existenzen sich auf diese Weise erspüren und erkennen, sondern Spuren eines uralten Drangs, der in allen lebt – unabhängig davon, ob daraus Liebe, Freundschaft oder eine ganz eigene Form der Verbundenheit erwächst. Gerade weil solche Wechselwirkungen selten und intensiv sind, erfahren sie im sozialen Miteinander großen Stellenwert, manchmal sogar des Anstößigen. Für viele bleiben sie ein nahezu mythisches Ideal: das Wiedereintreten in jenes verlorene Gleichgewicht, das einst alle Wesen miteinander verband.
Praktische Nutzung
Resonanz ist nicht nur Indikator, sie ist Ressource. Sie wird in Ritualen gebündelt, in Bannkreise geleitet, in Sigillen verwebt. Manche alten Zauber verlangen nach einer hohen Grundresonanz, weswegen sie nur von Gruppen von Hexen durchgeführt werden können, sofern keine von ihnen eine enorm große Eigenresonanz hat, oder man holt sich einen Dämon, einen Vampir, einen Geist oder ein Werwesen dazu. Wenn man Glück hat, kann man jemandem vom schönen Volk dazu, aber die sind unberechenbar, wirklich. Das muss man schon wollen, mit allen Komplikationen und Fallstricken, die ein solcher Deal beinhaltet.
Vampirische Resonanz wird in okkulten Kreisen mit der Wirkung eines Katalysators beschrieben, weil sie einfacher zu kanalisieren ist als die eines Geists oder eines Feenwesens. Dennoch ist ein Vorgehen, das geübt sein muss. Man sollte sich gut überlegen, mit wem man sich einlässt. Nicht nur, weil es prinzipiell gefährlich sind, sondern weil Resonanz gewaltigen Schaden anrichten kann, wenn sie auf ein Individuum trifft, das noch nicht über die Erfahrung und das Vermögen im Sinne einer Fertigkeit besitzt, sie zu lenken. Ein Vampir, der über 500 Jahre alt ist, beispielsweise, hat im Durchschnitt eine Resonanz in den oberen 10% aller aller bekannten Resonanzen. Dass die sich außerdem noch bereiterklären, für Rituale herzuhalten? Eher unwahrscheinlich.
Werwesen haben aufgrund ihrer kurzen Lebensspanne einen der höchsten Resonanzwerte, relativ dazu betrachtet natürlich, sind allerdings aufgrund ihrer Sterblichkeit heikel „anzuzapfen“. Ein düsteres Kapitel in der Vergangenheit der britischen Inseln beschreibt die sogenannte Wolfsernte, als man massenweise Werwölfe für Ritualzwecke einfing und regelrecht schröpfte. Eine einfache, gut kontrollierbare Energiequelle sind niedere Dämonen oder Poltergeister sowie Gespenster – man sollte aber Ahnung haben, nicht, dass man einen niederen Dämon zu einem höheren erhebt, weil man den Resonanzfluss falschrum aufzieht, nicht wahr? Und höhere Dämonen sind keine Spielzeuge, sie sind reine Energie, schwer zu binden und darüber hinaus einfach bösartige Motherfucker. Es gilt als außerdem auch als verpönt, wenn Hexen andere Hexen gegen ihren Willen als Resonanzquelle für Rituale einsetzen. Heißt aber nicht, dass das nicht gemacht wurde. Oder wird.
Die Wells von Marlington Wells
Die sieben Quellen, die Marlington Wells ihren Namen geben, sind nicht nur geologische Kuriositäten – sie beeinflussen die übernatürliche Resonanz ihrer Umgebung aktiv. Ihr unterirdisches Gerinne wirkt wie ein Resonanzverstärker, der das magische Grundrauschen erhöht und bei längerem Aufenthalt sogar regenerierend wirken kann. Zugang zu den unterirdischen Thermalbecken – manchen bekannt, den meisten verborgen – ist privilegierten Wesen vorbehalten. Es heißt, alte Vampire steigen dort hinab, um ihre Zellen zu heilen. Hexen meditieren dort in Kreisformationen. Werwesen bringen ihre Verwundeten dorthin, wenn ihre Regenerationskraft nicht mehr greift. Totgeglaubte sind hier schon wieder topfit rausgestiegen, wirklich.
Bekannte Thermalbäder und oberflächliche Kleinquellen befinden sich:
- Beispiel 1
Kontrolle der Wells
Wer die Wells kontrolliert, kontrolliert die Resonanz – und damit die unsichtbare Ordnung der Übernatürlichen. Deshalb sind die Thermalbecken tief unter Marlington Wells Schauplätze stiller Kämpfe. Nicht alle Quellen sind frei zugänglich: Manche sind seit Jahrhunderten reglementiert, bewacht von Coven, Vampirclans oder freien Logen. Zugang ist Privileg – nur ausgewählten Wesen, die durch Blut, Pakt oder Amt berechtigt sind, wird er gewährt. Selbst Dämonen haben ihre eigenen Abmachungen, solange sie Resonanz kostenfrei schöpfen dürfen. Doch was einer nutzt, beansprucht ein anderer: Schon oft sind politische Spannungen im Rat darin gegipfelt, dass der Zugang zu einem Well als Druckmittel verweigert oder an unfaire Bedingungen geknüpft wurde. Einer der Gründe, am Rande mal gesagt, warum es nicht nur einen Hexensitz gibt, sondern drei, denn untereinander sind die wirklich garstig gewesen.
Resonanzstörungen
Das Gerinne bringt nicht nur Kraft, sondern auch Instabilität. Wesen, die missbräuchlich mit den Wells oder anderer Resonanz umgehen, riskieren ihr Leben. Resonanz, die eigentlich wie ein innerer Pulsschlag stetig und verlässlich sein sollte, beginnt sich bei Überladung unkontrollierbar zu verhalten. Resonanz kann durch das Gerinne anschwellen, bis sie bricht. Körperliche Symptone sind Erschöpfung, Kopfschmerzen, Übelkeit, Schwindel, Schwäche- und Krampfanfälle, Blutungen aus Augen, Nase und Ohren, Ohnmacht, Herz-Kreislauf-Beschwerden und so weiter, ihr könnt es euch denken. Wo Resonanz irreparabel gestört, geblockt oder zu stark aufgeladen wurde, bleibt nur Leere zurück: Apathie, Wahnsinn, früher oder später auf die eine oder andere Weise der Tod.
Ein seltenes Phänomen ist ein Resonanzüberschuss durch willkürliches Gerinne. Betroffene berichten neben den klassischen Anzeichen einer Resonanzstörung von schleichenden Halluzinationen: Ein Rauschen wie permanenter Wasserlauf, Paranoia, Schizophrenie. Manche verlieren ohne eigenes oder fremdes Zutun die Kontrolle über ihre Fähigkeiten – eine Hexe, die ihr eigenes Haus in Brand setzte, ein Werwesen, der seine Verwandlung nicht zurücknehmen konnte, ein Beschenkter, der sich selbst auf dem Latchmere Green die Gedärme herausriss, schreiend und lachend zugleich.
Halim, Resonanz & die Wells
Halim ist ein unendliches Wesen, ein Dschinn jenseits von Geburt und Ende. In seiner Körperlosigkeit manifestiert er sich (angeblich aus Faulheit) dort, wo Schwellen besonders dünn sind – und Marlington Wells ist laut Tradierung eh sein liebster Ort im Hier und Jetzt. Für manche ist er der Ursprung der Well. Diese Theorie ist bisweilen allerdings nicht haltbar.
Denn: Niemand weiß, ob die Wells Resonanz erzeugen, ob sie selbst Resonanz sind, oder ob sie nur ein Gefäß sind, in der Resonanz, die möglicherweise mit Halims Nahezu-Allmacht korrespondiert, widerhallt. Theorien im Rat widersprechen sich: Concord sieht die Wells als Knotenpunkte natürlicher Magie, Wildmark als lebendige Adern der Erde, Sigil House als qua Einwirkung angelegte Resonanzkammern. Die Elder halten die Diskussion darüber für nutzlos und unschicklich, weil sie abseits der Magie und der Resonanz schon immer existierten, die Reform schwankt je nach Führung und die Werwesen wiegen sich meist in Neutralität, aber die Wolfsernte ist Teil ihrer Identität – und haben ein uraltes Misstrauen, wieder missbraucht zu werden. Die Dämonen ... naja, denen ist jede Theorie recht, solange sie was davon haben, nicht wahr? Die Wells sind jede Quelle für sich ein Tor – ob rein, raus oder beides, egal, Hauptsache Chaos.
Und die Beschenkten... nun. Wir wissen ja, dass sie tendenziell die A-Karte haben, weil niemand sie will oder niemand sie braucht. Doch gerade im Zusammenhang mit Resonanz ist das besonders relevant, denn: Beschenkte haben Resonanz, ähnlich wie Medien, allerdings wesentlich unsteter. Eine populäre Theorie besagt: Jede*r Beschenkte ist eine Inkarnation von Halims Resonanz, ein Echo, das in einem menschlichen Körper Fuß gefasst hat. Andere sagen: Beschenkte sind von Geburt an Menschen mit latent geringer Resonanz, die durch die Wells katalysiert wird. Wer in der Nähe der Quellen geboren oder aufgewachsen ist, trägt ein höheres Risiko oder darf sich in der Hoffnung wiegen (unwissentlich, ja), dass eine Gabe zum Vorschein tritt. Eine neue radikalere Lesart sagt: Beschenkte sind nicht Menschen mit Zusatz, sondern Fragmente eines Gottes, die man gefangen hält, verschleiert, domestiziert. Beschenkte kleinzuhalten ist ein Akt der Angst.
Paradoxon der Resonanz
Wahrheit A: Halim erschuf das Gerinne, und die Wells gebären die Beschenkten. → Theorie der schöpferischen Kausalität
Wahrheit B: Das Gerinne gebar Halim, und Halim erschuf die Beschenkten. → Theorie der inversen Genesis
Wahrheit C: Alles ist Resonanz, ohne Ursprung oder Ende. → Resonanz-Monismus