LONDON EVENING REPORTER, ONLINE EDITION
Disturbance at [Station]
London, Monday – Panic broke out yesterday when a young woman reportedly began screaming and convulsing near the central platforms. Witnesses describe her as “crying, then laughing, then shouting in a language nobody recognized.”
Police sources confirm she was later identified as Emily Harrow, 24, a visual arts student from Marlington Wells. Eyewitness footage captured Harrow clawing at the tiles, shouting:
“The blue eyes in the walls… they watch me sleep.”
The woman is currently in intensive care. Officials refuse to comment on potential drug involvement.
Man sagt, in Marlington Wells seien die Nächte ein kleines bisschen ruhiger als anderswo, friedlicher womöglich. Man schläft ja besser. Man sagt, das hängt damit zusammen, dass die Welt hier noch nicht so schnell ist. Man kennt die städtische Hektik nicht. Vielleicht liegt es daran, dass die Straßenlaternen hier älter sind als an den meisten Orten Englands, älter als die meisten Bäume, die man im neuen Stadtpark angepflanzt hat vor ein paar Jahren, und definitiv älter als viele der Menschen, die morgens mit gesenktem Blick über die Pflastersteine eilen und vergessen, dass dieser Ort einmal ein beliebtes Reiseziel war – eine Hochburg der Zwanziger, golden und strahlend, ehe man es jetzt eher mit einem müden Schulterzucken abtut. Das wirkt gar nicht mehr so. Das ist eher verschlafen, das Nest, oder? Es wirkt … zurückgezogen. Gediegen. Mondän, aber langweilig. Alle, die es wissen, die sagen, das liegt an den Mauern, die sich so eng aneinanderlehnen, als hätten sie gelernt, den Atem anzuhalten, um nicht zu verraten, was in den Schatten unter ihnen schläft. Leute, die es nur ahnen, nennen es ein Schauermärchen.
Es ist Frühling, angeblich, doch die Luft trägt das falsche Gewicht. Besonders für England. Es ist zu warm, zu schwer, zu feucht, zu gesättigt mit einem Geruch, den niemand benennt, weil ihn niemand benennen will. Süßlich irgendwie? Unter der Erde, sagen vor allem die Jungen, liegt nichts als altes Wasser, Mineralien, Spuren von Eisen und Salz, und aber wenn der Wind sich dreht, dann hören selbst die Hunde vom alten Mick kurz auf zu bellen. Weil sich da etwas regt.
Etwas, das sich nicht regen soll. Das weder rascheln noch rumpeln kann, und das trotzdem da ist, immer da war. Die sieben Quellen, die Wells, sie ruhen, ja, sie ruhen ganz vortrefflich, aber ruhen ist nicht schlafen.
Vielleicht sind es nur alte Geschichten, geflüstert über Gartenzäune hinweg, heruntergedrückt in die Stimmen von Großeltern und deren Eltern, die zu viel gesehen haben; vielleicht ist es nur die Art, wie dicker, schwerer Blauregen sich an den schmiedeeisernen Zäunen festkrallt, als wollte er nicht nur blühen. Vielleicht sind es die Mauern, an denen er wächst, diese Mauern aus viktorianischem Backstein, zu schmal für ihre Höhe, die Fenster zu dunkel, die Türen zu fest geschlossen und das Gartentor nur einen kleinen Spalt geöffnet – ja, immer gerade so weit, dass niemand sagen kann, ob es einladend oder abweisend gemeint ist.
Man geht schneller, wenn man daran vorbeikommt, unwillkürlich, ohne es zu merken, und vielleicht liegt es am Wind, der hier seltsam zugig ist, immer, vielleicht an den Schatten, die hier seltsam fallen, vielleicht aber auch nur an der Erinnerung, die sich hier seltsam weigert, konsequent zu sein, auch wenn man gar nicht glaubt, dass Erinnerungen an einem Ort anders sein können. Nummer 11, da am Ende vom Caroline Place, ist ein Haus, das seit Jahren nur seine Angestellten zeigt. Ein Haus, in das sich Kinder für Mutproben schleichen wollen, nur um dann schreiend wegzurennen, kaum, dass sie die antiken Fliesen mit ihren Schuhspitzen berührt haben. Man sagt, der Salon weite sich wie ein Dom, drinnen ein langer Tisch – fünf Plätze auf jeder Seite und ein einzelner Stuhl am Kopfende.
Gilleasbaig lehnt sich zurück, die nackten Füße auf dem Tisch, die Haut an Armen und Hals von leichten Rissen durchzogen, aus denen goldenes Licht sickert. Er hat sich nicht mal die Mühe gemacht, eine Hülle zu tragen, die für Menschen gedacht ist, seine archaische Form zu verbergen. Er schabt mit seinen langen Fingernägeln an der altehrwürdigen Tischkante entlang „Oh, komm schon, Paul. Fünf Tote, drei Verstöße protokolliert – und Du sitzt hier und polierst die verdammten Sitzungsprotokolle, als wär’s Teatime beim Vikar.“ Er wirft dem Hüter des Hauses ein schiefes Grinsen zu. Paul hebt nicht den Blick.
Der Hüter des Hauses, älter – aber verglichen mit Gilleasbaig kaum mehr als ein Junge –, definitiv korrekter und gegen den dämonischen, schottischen Zungenschlag zugleich britisch wie ein Denkmal, hebt kaum den Blick. Er streicht sich über die Manschetten, pflückt ein nicht vorhandenes Staubkorn von seinem Ärmel. „Vielleicht sollte ich die Dinge einfach selbst neu ordnen,“ flüstert Gilleasbaig, es legt sich ein Lächeln um die spröden Lippen dabei, „ja, vielleicht fang ich bei deinen Knochen an, Paul, was meinst Du? Würde dir das gefallen, Du alter Fisch?“
Es ist nicht Paul, der reagiert. Erin Doyle stellt für ihre Art überraschend geräuschvoll ihre Teetasse ab. Sie ist als Vampirin die Vertreterin der Elder und auch wenn ihre Erscheinung über ihr Alter hinwegtrügt, ist sie Gilleasbaig in Weisheit und Lebenserfahrung um ein Vielfaches überlegen. „Wir harren des Elften.“, sagt sie ruhig und besonnen. Ein kaum hörbares Atmen geht durch den Raum; Erin ist nicht dafür bekannt, einen maßregelnden Ton anzuschlagen. Gilleasbaig blinzelt. Das Licht in seinen Rissen flackert. „Ah, natürlich. Beten wir also alle weiter brav zum leeren Stuhl.“ An der Seite seufzt daraufhin, leicht ungehalten Sigourney St. Claire, Sprecher des Sigil House. Die meisten kennen ihn nicht, er ist immerhin sterblich – aber scheinbar macht er sich trotzdem nicht in die Hose. Seine Erscheinung spricht von Moderne, das Blut in seinen Adern ist warm und menschlicher als es ihm wahrscheinlich selbst gefällt. „Bei allem Respekt für Halim... überlass das Abwägen dem Wahrer der Grenzen, ja?“
Das Feuer im Kamin flackert und Paul richtet sich etwas auf.
„Der Master ist erschienen.”