Apropos Wasser: Die sieben berühmten Wells der Stadt gelten offiziell als „heilkräftig“. Inoffiziell weiß jeder Einheimische: Sie schmecken nach einer Mischung aus rostigem Kupferrohr und verjährtem Aspirin. Aber offiziell finden Sie dazu selbstverständlich keine Broschüre im Rathaus, nur eine sehr empörte Empfangsdame, die betont, dass „unsere Quellen stets gesundheitsförderlich und völlig normal“ sind.
Heute ist Marlington Wells ein Ort für jene, die ganz dringend eine Pause von der Welt brauchen – oder für Leute, die nie herausgefunden haben, wie man wieder wegzieht. Man geht hier gern wandern, in die vielen kleinen Läden, kauft antiken Nippes und Krimskrams, trinkt Tee (meist zu lange gezogen, traditionell britisch ungenießbar) und erzählt sich kleine Gruselgeschichten über alte Mauern. Ein klassischer Satz der Einheimischen lautet: „Ach ja, das Haus dort? Da ist was ganz, ganz Schreckliches passiert.“ Gefolgt von: „Aber das war schon immer so.“
Wenn Sie Freude daran haben, Häuserfassaden anzustarren, die aussehen wie viktorianische Riegelkekse, dann ist Marlington Wells ein absolutes Paradies. Hier reihen sich Backstein, Gusseisen und Spitzgiebel wie ein Architektur-Katalog von 1883, und alles ist so „denkmalgeschützt“, dass selbst das Abmontieren einer schiefen Regenrinne als Sakrileg gilt. Busladungen von Geschichtsvereinen kommen her, um dieselbe neogotische Kirche zu fotografieren, die sie bereits in fünfzig anderen Städten gesehen haben. Man nennt das „historische Atmosphäre“, jawohl, Sie Banause, Sie! Wie dem auch sei.
Offiziell sind die „Wells“ Heilquellen. Tatsächlich schmeckt das Wasser wie ein rostiges Heizungsrohr und hat in seiner langen Geschichte genau zwei Dinge geheilt: Dehydrierung und guten Geschmack. Dennoch gibt es noch immer Leute, die hier mit glänzenden Augen anreisen, eine Flasche für 9,95 £ kaufen und glauben, ihr Rheuma, Liebeskummer und Steuerprobleme würden sich in Luft auflösen. Fun Fact: Im 19. Jahrhundert war es chic, hier literweise davon zu trinken. Die Hälfte der Gäste war danach „geheilt“, die andere Hälfte tot – Zusammenhänge reine Spekulation. Für jene, die es lieber etwas makaber mögen: Marlington Wells verfügt über zwölf Friedhöfe. Zwölf! Für eine Stadt dieser Größe ein Rekord, auf den man beinahe stolz ist. Lokale Führungen heißen so charmant Dinge wie „Midnight in the Marle“ oder „The Dead Walk of Wells“ und beinhalten zumeist das Herumstolpern zwischen schiefen Grabsteinen, während ein Stadtführer betont, dass „hier schon jemand lebendig begraben worden sein soll“. Ob das stimmt, weiß niemand – aber es klingt gut im Flyer.
Old Marlington
Das Herz der Stadt: Kopfsteinpflaster, viktorianische Fassaden und das neogotische Rathaus am Marktplatz. Unzählige schnuckelige Läden, alte Wohngebäude, viel Kultur und Geschichte, kleine Teehäuser und die ehrwürdige Kirche St. Brigid’s erinnern an die Zeit, als die Stadt ein begehrter Kurort war.
- Beim Bau des Rathauses im 19. Jahrhundert wurde ein Bauarbeiter spurlos vermisst. Man sagt, sein Körper sei in den Grundmauern vermauert worden – Besucher berichten, dass es im Uhrturm manchmal nachts klopft.
- Ein unscheinbarer Brunnen am Marktplatz gilt laut diversen Stadtführungen
fälschlicherweiseals einer der sieben Wells. Offiziell „zugeschüttet“, aber Tourist:innen werfen dort noch immer Münzen hinein.
- In der Stadtbibliothek kursiert die Geschichte von einem Buch mit ausschließlich leeren Seiten, das nie zurückgegeben wird – und trotzdem immer wieder im Katalog auftaucht.
The Black Mare
Wer in Marlington Wells stilvoll trinken will, landet unweigerlich im Black Mare. Die Bar liegt etwas versteckt in einer Seitenstraße mit einer schwarzen Lacktüre, deren Rauchglas ein bisschen Flair nach außen lässt – innen warten schwere Teppiche, gedämpftes Licht und ein Ambiente, das mehr nach London als in die Provinzstadt passt.
Unter der Woche ist das Mare eine Cocktailbar, die sich selbst nicht allzu sehr anstrengt, „cool“ zu sein, was sie ungelogen wohl so populär macht für Afterworksdrinks und Boozy Dinners mit den sozialen Satelliten. Die Musik reicht von Indie bis Soul oder moderne Singer-Songwriter, nie zu laut. Ideal, um sich mit einem Glas G&T wichtig zu fühlen oder über die eigene Melancholie hinwegzutrinken. Am Wochenende kippt die Stimmung passend zur Klientel: Dann gibt es Rock, Tanz und volle Gläser, und der Laden füllt sich so, dass man irgendwann nicht mehr sicher ist, ob man in einer Bar oder in einem Nachtclub ist. Die Gäste sind so gemischt wie die Stadt selbst: Junge Leute, alteingesessene Familien, Übernatürliche aller Couleur – dies hier ist neutraler Boden.
Riverside
Am Fluss Marle gelegen, mit Promenade, grünen Uferanlagen und alten Badehäusern. Heute laden Pubs, Galerien und Cafés mit Blick aufs Wasser zum Verweilen ein. Abends zieht leichter Nebel über die Brücken.
- Im „Olde Spa House“ sollen einst Kurgäste in der heißen Quelle gekocht haben, als ein Heizsystem versagte. Das Gebäude steht heute leer, es ist ein beliebter Ort für ... keinesfalls halbseidene Machenschaften, nein.
- Die viktorianische Brücke „South Span“ hat ein Geländer, an dem noch die Kratzer eines alten Kutschunfalls zu sehen sind. Es heißt, das Pferd sei über das Wasser davongespurtet. Saint Galloper ist eine Urban Legend; es gibt immer wieder Meldungen über Sichtungen.
- Im Sommer halten Jugendliche Mutproben am Ufer beim Weidenhain der Stummen Lady ab: Wer die Hand ins Wasser taucht, soll dort manchmal eine kalte zweite Hand spüren. Manchmal landet man im Wasser, angeblich, weil die Lady an einem zieht.
Blue Note
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Westbrook
Das vornehme Viertel am Hang, gesäumt von Villen und Gärten, die von Blauregen überrankt sind. Hier residieren vor allem, aber nicht ausschließlich die alten Familien, und am Ende einer stillen Sackgasse liegt Caroline Place mit der Villa No. 11.
- Viele Villen sind Ruinen, die dann und wann neue Eigentümer:innen finden. In einem der verlassenen Herrenhäuser fand man bei Renovierungen einen Wintergarten, dessen Glasfenster von innen komplett mit Ruß geschwärzt waren. Niemand weiß, warum – oder weshalb die Tür von außen verriegelt war.
- Ein Liliengarten im Arboretum blüht angeblich das ganze Jahr über – selbst im Winter. Botaniker:innen zucken nur die Schultern, die Lilien lassen sich nicht propagieren. Vermutlich, so glaubt man, ist das die unterirdische Wärme der Wells.
- Auf halber Höhe des Hangs, mitten auf einem weiten, unbebauten Grundstück, steht eine einzelne Parkbank. Angeblich stritten sich einst zwei Geschwister darum, wer das Grundstück bebauen dürfe. Am Ende setzte sich ein Dritter durch – mit der absurden Auflage, dass die Bank niemals entfernt werden dürfe. Das Grundstück blieb seither leer. Manche behaupten, der Stadtrat hätte längst Pläne für Luxusvillen gehabt, doch bei jeder Sitzung geriet man in endlose Debatten, ob die Bank ein „denkmalgeschütztes Objekt“ sei. Nach 70 Jahren hat man aufgegeben. Heute ist die Bank ein inoffizielles Wahrzeichen. Paare treffen sich dort zum ersten Kuss, Jugendliche zum Trinken, und Künstler zum Skizzieren. In Postkartenläden wird sie schlicht „The View“ genannt.
Northbank
Das Kulturviertel mit dem Marlington Playhouse und der alten Bibliothek. Bürgerhäuser und ehemalige Hotels verleihen dem Viertel Eleganz. Man atmet hier noch den Hauch vergangener Kurgäste.
- Im Theater soll es „Reihe 7, Platz 12“ geben, der nie verkauft wird, weil er ein Ehrensitz ist – Besuchende berichten von kaltem Atem im Nacken, wenn sie dort versehentlich Platz nehmen.
- Bei einer Abrissaktion legte man ein nicht kartiertes Kellergewölbe frei, das voller Weinflaschen war – und alle noch trinkbar –, aber weil dort auch richtig viele menschliche Knochen gefunden wurden, hat natürlich niemand (!!) jemals (!!!) diesen Wein getrunken und er wird auch keinesfalls (!!!!) bis heute für 1 Scheißviel verkauft. Auf dem Etikett stand Château Marle 1866 – Private Reserve, Zeitungsberichte sprachen von 147 Flaschen, zuletzt soll eine Flasche auf einer geheimen Auktion in Genf für 1,2 Millionen Pfund das Land gewechselt haben, aber das ist natürlich Unfug.
New Wells
Das jüngste Viertel: ehemalige Fabriken, heute Lofts, Ateliers und Cafés sowie eine nagelneue Reihenhaussiedlung, von der Teile noch in Konstruktion sind. Im Zentrum liegt ein moderner Park, hell und voller Leben (und privat beauftragter Parkaufsicht).
- Beim Anlegen des Parks stieß man auf einen Schacht, der angeblich kein sichtbares oder hörbares Ende hat. Man hat das lieber schnell verfüllt. Obdacht beim Spaziergang abseits der Pfade, aye?
- Ein Graffiti an einer Fabrikwand zeigt seit Jahren wechselnde Motive, obwohl nie jemand beim Sprayen gesichtet wird. Versuche, es zu überstreichen, scheitern offenbar an rigorosem Lokalvandalismus.
Iron Market
Das alte Arbeiter- und Industrieviertel mit Backsteinreihenhäusern, Altbestand an Immobilien und Kneipen. Eher eine bodenständige Gegend, aber eigentlich ganz nett, weil auch hier die Glyzinien blühen, wenn ihre Jahreszeit gekommen ist.
- Jedes Jahr im Herbst veranstaltet die Straße „Forge Lane“ ein improvisiertes Bonfire-Night-Fest mit Straßenständen, lokalen Speisen und Getränken, Live-Musik und einem Kuchenwettbewerb wie bei The Great British Bake Off. Alles endet dann mit dem traditionellen Feuer – nur, dass sie statt einer Guy-Fawkes-Puppe einen Stuhl verbrennen. #unangenehm
- Hinter dem Hangman's Knot steht ein kleines, grün emailliertes Eisenhäuschen – offiziell ein viktorianisches Pissoir, wie man es in England bis ins 20. Jahrhundert hinein fand. Das Stück Stadtmöblierung ist längst stillgelegt, aber die Bewohner von Iron Market nennen es nur den „Singing Drain“. Wenn es stark regnet, ertönt aus dem Abfluss ein Pfeifen, mal tief wie eine Orgel, mal hell wie ein Flötenton.
Hangman's Knot
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Latchmere
Am östlichen Rand von Marlington Wells liegt Latchmere, ein Viertel mit fast dörflichem Charakter, das ans angrenzende Sumpfgebiet schließt, wo es eremitäre Gehöfte gibt. Als Viertel hat Latchmere enge Gassen, die öffnen sich zu kleinen Plätzen, wo Händler:innen seit Jahrhunderten ihre Stände aufbauen. Einst war dies die Heimat fahrender Handwerker:innen, Schaustellerfamilien und Marktleute, die hier sesshaft wurden – und bis heute ist der Geist des Jahrmarkts spürbar.
Auf dem Latchmere Green findet mehrmals im Jahr ein Bauernmarkt statt, berühmt für Ziegenmilchseife, Handwerkswaren und allerhand Trödel.
- Auf dem kleinen Friedhof von Latchmere gibt es ein Grab, das jedes Jahr im Frühling frisch mit Blumen geschmückt ist – niemand weiß von wem. Der Stein trägt nur die Inschrift: „For the nameless.“
- In den 1980er-Jahren geriet Latchmere in die Lokalzeitung, weil sich zwei Nachbarn 14 Jahre lang über die richtige Höhe einer Gartenzwerg-Sammlung stritten. Am Ende kam der Stadtrat – und entschied salomonisch, dass jeder von beiden exakt einen Zwerg aufstellen dürfe. Stehen da heute noch.
- Auf dem Latchmere Green wird traditionell Cricket gespielt, allerdings ohne klassischen Schiedsrichter. Wie das so klappt, das weiß niemand.
The Painted Drum
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Fortune’s End
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